Au Revoir Bretagne

Wir stehen am Donnerstag, unserem Tag 35 bei schönstem Wetter auf und nach dem Frühstück gehe ich mit Merle im Schwimmbad spielen während Christian das Wohnmobil reisefertig macht. 5 Wochen unserer Reise sind jetzt um.

Wir kamen um 11 Uhr im Schwimmbad an und hörten laute Musik: Der Aquazumba-Kurs fing grad an. Da Merle netterweise auch mal länger alleine planscht, ohne sich gleich zu ertränken, zappelte ich ein wenig mit. Nostalgische Gefühle kamen hoch: Vor Merles Geburt habe ich auch regelmäßig Zumbakurse besucht.

Eine Stunde später war Merle fix und fertig und wir machten uns abreisebereit. Das irische Wohnmobil, das neben uns geparkt hatte, hatte seine Schuhe vergessen. Wir packten sie kurzerhand mit ein, da wir wussten, dass sie heute die selbe Fähre nehmen werden wie wir. Da trifft man sich bestimmt.

Die Wetterprognosen behielten Recht. Es sollte ein großes Sturm- und Unwettertief von Irland rüber kommen. Als wir losfuhren, konnten wir es erkennen. Es kam wie eine dunkle Front an, mit heftigen Windböen und Starkregen, der dich die Hand vor Augen nicht mehr sehen ließ.

Wir änderten kurzerhand die Route und fuhren einen Umweg die Ostküste der Halbinsel entlang. Genau an der Wettergrenze. Die Wolken im Rücken fuhren wir mit einem nassen Auto durch den Sonnenschein bis nach Morlaix, um dort noch einmal richtig groß einzukaufen – in einem gigantischen Casino.

Während des Einkaufens ließen wir uns viel Zeit, denn wir hörten den Regen auf das flache Dach prasseln. Doch es nützte alles nichts. Irgendwann mußten wir zum Auto und wurden richtig nass.

Weiter ging es die unspektakuläre Strecke nach Roscoff. Unterwegs sahen wir noch ein Dumping-Schild. Wir mußten noch Grauwasser loswerden. Das ging bei dem 5-Sterne Campingplatz leider nicht. Im strömenden Regen fanden wir einen ausgeschilderten verlotterten Hinterhof, doch der Hausherr wagte sich in das Unwetter heraus, um uns zu sagen, dass das Wasser-in-den-Gully-laufen-Lassen 5 Euro bei ihm kostet. Da sagten wir dann nein danke und fuhren schnell weiter.

Im strömenden Regen kamen wir dann auch in Roscoff am Fährterminal an und reihten uns in die langen Schlangen ein. Nun begann das große Warten. Wir sind ja schon oft mit der Fähre gefahren, aber so oft und so lange wie hier und heute haben wir noch nirgendwo gewartet.

Wir warteten beim Check-in, wir warteten bei der nicht-Passkontrolle (ich glaube, Besucher aus EU-Nettozahlerländern werden nicht kontrolliert, der arme Pole vom Auto hinter uns wurde 2 Mal kontrolliert und sogar komplett gefilzt), wir warteten auf das Boarding. Über 3 Stunden insgesamt im strömenden Regen und heftigem Wind. Merle in ihrem Bewegungsdrang zu bändigen war fast unmöglich. Hätten wir noch länger warten müssen, hätte ich sie in Regenkleidung rausgejagt.

Endlich auf dem Schiff, der irischen „Oscar Wilde“ angekommen, suchten wir unsere Kabine. Wir haben uns 3 Sterne mit Fenster gegönnt. Nur hier konnte man ein Babybett aufstellen lassen. Vom Kabinenstewart orderten wir dann noch Kissen und Decke für Merle und fragten, wo denn die Heizung anginge. Es sei doch recht frisch im Zimmer. „Heizung? Wir haben Sommer, da haben wir die Heizung abgestellt. Willkommen in Irland.“ Prima. Immerhin bot er uns bei Bedarf zusätzliche Decken an.

Wir schlenderten erstmal das Schiff ab. Die Spielecke war winzig. Und wie jeder weiß, haben Iren ja grundsätzlich kaum viele Kinder. Es war so voll, dass Merle nach 1 Minuten genug hatte. Wir konnten also beruhigt essen gehen.

Wir hatten ein Menü für 30 Euro als Gutschein vorbestellt: 2 Essen und 2 Kindermenüs. Es stellte sich als gute Wahl heraus, denn andernfalls hätten wir für das selbe Essen sicher 60 Euro oder mehr bezahlt – oder, was noch wahrscheinlicher gewesen wäre, gar nichts gegessen.

Es gab also 2 * Lachs mit Wildreis und Gemüse und 2 * Hot Dog mit Pommes und einem Kaltgetränk. Merles Geschmack war die Wurst in dem seltsamen Brötchen (ohne alles!: 8,95 Euro) allerdings nicht. Das Schiff verließ den sicheren Hafen und fing an zu schaukeln. Merle fand das lustig. Sie lief und kippte um, lief weiter und hatte einen im Unwettertief der tosenden keltischen See.

Dann fielen wir in unsere Betten. Das hatte aber nicht nur den Grund, dass es schon spät war: Die Kabine war ganz weit vorne und wir konnten die Gischt der Wellen bis an unser Fenster spritzen sehen. Stehend fielen wir fast um, so sehr hob sich das Schiff in den Wellen und fiel wieder in das nächste Tal hinein. Uns wurde schlecht – und das wurde im Liegen etwas besser.

Merle wollte nicht in ihrem Bett schlafen, so nahm ich sie ausnahmsweise mit in meines zum kuscheln. Nachdem sie fast eingeschlafen war, dreht sie sich dann zu mir um und ein Schwall Würstchen- und Pommesstückchen kommt mir entgegen. Prima. Merle nackig ausziehen, Anziehsachen und Schlafsack auswaschen und den Stewart rufen. Als mein Bett gerade bezogen wurde, saß ich mit ihr auf Christians Bett. Die Dame fragte noch: Das andere Bett ist in Ordnung? – da war es schon wieder geschehen. Direkt neben die dafür vorgesehene Tüte und das Handtuch natürlich. Die hatte sie vorher zur Seite geschoben.

Die Damen sagte, dass sie gleich wieder komme, da sie derzeit fast in jeder Kabine gleichzeitig Betten neu beziehen muss. Prima. Merle und Mama unter die Dusche und dann merken, dass alle Handtücher nicht mehr zu gebrauchen sind. Also Merle mit Toilettenpapier abtupfen, Mamas Schlafshirt anziehen, Mama in Papas Schlafshirt und wieder ins Bett. Uns gingen die Anziehsachen aus.

Während das zweite Bett bezogen wurde, schlief Merle auf meinem Arm ein. Es war schon kurz nach 10 Uhr und sie rief schon länger nach „Heia“. Da schnappte ich sie mir und drückte sie  rasch Christian in die Hand. Nun war ich an der Reihe. Tüten waren ja genug da.

Und als ich mich wieder erholt hatte, meine Christian zu mir: „Ich glaub, mir geht´s nicht gut…“. So hatte es uns dann alle drei getroffen. Und der Steward, der einem Herzinfarkt nahe war sagte, dass es fast allen auf dem Schiff genauso ergeht, natürlich nicht ohne dabei zu bemerken, dass sie See ja gar nicht sooo schlimm rauh sei.

Frage des Tages: Empfindest du auch Mitleid für die Leute, die diesen Abend im Steakrestaurant viel Geld für irische Steaks gelassen haben und denen es dann genauso ergangen ist wie uns?

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