Der mystische Wald von Huelgoat

Um 7:30 Uhr wurden wir an unserem 32. Tag geweckt, aber nicht vom Chant des Oiseaux, sondern vom herannahenden Trecker, der ein paar Kühe abladen wollte.


Der Chaos-Wald von Huelgoat – meterhohe Felsen überall


Merle schlief noch weiter, daher taten wir es auch bis um 8:30 Uhr, als weitere Kühe abgeladen wurden. Um 9 Uhr dann, als wir uns grad in der Morgenroutine befanden, kam ein LKW, um die Kühe abzuholen. „Für den Markt“, wie uns der Patron erklärte. Nette Umschreibung.

Merle bestaunte die Trecker, Kühe und Fanni genauso wie gestern und wollte kaum Adieu sagen. Der Bauer gab uns dann noch den Tipp, nicht direkt nach Huelgoat zu fahren, sondern einen kleinen Umweg durch die Berge zu nehmen. Das Panorama wäre es wert.

Gesagt, getan. Wir dachten zudem, dass ein wenig mehr Zeit nicht schaden würde, damit Merle schlafen kann. Aber mitnichten. Merle schlief nicht. Wir fuhren also die D785 nach Norden und bestaunten den Montagne Saint Michel – ein Aussichtsberg wie ein kleiner Mont St. Michel, nur gratis.


Die Menagerie der Jungfrau hatte einen ganz besonderen Besucher

Weiter ging es am See St. Michel vorbei. Herrlich inmitten der Natur gelegen bauten die Franzosen hier ihr erstes Kernkraftwerk. Und demontierten hier auch zum ersten Mal ein Kernkraftwerk, so dass bloß noch die Hülle zu sehen ist. Wir schütteln den Kopf: Mitten in der Naturschönheit der Monts d´Arree! (Ein echtes kleines Motorradparadies über einen Pass ohne Bäume- fast wie in Schottland!)

Dann bogen wir ab in Richtung Huelgoat. Eine hübsche kleine Touristenstadt mitten in der Bretagne. Eine Seltenheit, denn die meisten Urlauber kommen her, um die Küste zu sehen, nicht das Binnenland. Hier gibt es einen verzauberten, sagenumwobenen, keltischen Wald voller Chaos, in dem sogar König Artus gelagert haben soll. Zudem sollen Asterix und Obelix nicht weit entfernt gewohnt haben, aber das ist eine andere Geschichte.


Die Mühle des Chaos – Gargantua hat hier meterhohe Felsen von der Küste hergeschleudert

Um 10 vor 12 beteten wir die Stadt, kaufen ein Brot und wollen eine Wanderkarte für den Wald haben. Brot bekomme ich, aber um 12 machen hier alle (!) Läden Mittagspause – und die Touristeninformation hat heute außerhalb der Reihe einen Tag frei. Na gut, denken wir, das
bekommen wir auch so hin, der Wald wird ja beschildert sein.


Manchmal sind die Wege recht eng

Wir hätten es ahnen können, denn auf französische Beschilderungen sind wir schon mal hereingefallen. Aber davon wußten wir zu diesem Zeitpunkt noch nichts. Also betraten wir den Wanderweg bei der Mühle des Chaos inmitten von meterhohen abgerundeten Felsen. Wir zwängten uns durch Felsspalten und mußten dazu die Kraxe absetzen, so dass Merle – immer noch nicht geschlafen habend – laufen musste. Das verzehnfacht ungefähr unsere Wegzeit. Aber egal, denn es machte Spaß. Nur zur Grotte des Teufels ging ich lieber allein hinab – gefühlt ging es dort 90 Grad abwärts.


Die alte Brücke

Anschließend kamen wir an dem zitternden Felsen vorbei, den man – die richtige Stelle kennend – bewegen können soll. Wir bildeten uns ein, dass er sich tatsächlich bewegt hat, als wir ihn berührten. Dann ging es vorbei an dem Hausstand der Jungfrau, dem obligatorischen Harfenspieler mit Hut und dann gabelte sich der Weg. Nichtortskundige Deutsche konnten wir etwas die Gegend erklären und ich prägte mir die Grundzüge der Karte ein, und dann bogen wir nach rechts ab.

Wir folgten einem kleinen Fluß, kamen an einer alten Brücke vorbei und dann zu einer Straße. Dort kurz links 100 Meter und dann wieder links in den Wald hinein. Schilder weisten den Weg und wir sahen die Artushöhle, das Artusfeld, Menhire und das Meer der Wildschweine (siehe Titelbild).


Christian bringt den Zitterfelsen zum wackeln

Ich habe mir gemerkt, dass wir die nächste Abzweigung links nehmen müssen, um bei dem Harfisten auszukommen. Aber irgendwie kam mir der Weg etwas weiter als gedacht vor. Wir bogen zwar an der Gabelung links ab, doch der Weg ging bergauf bergab und schien kein Ende zu nehmen. Merle war mittlerweile in der Kraxe eingeschlafen, so dass der arme Christian die zusätzlichen 15 kg die ganze Zeit über alleine wuchten musste.

Schlussendlich kam eine Weggabelung. Dort waren Schilder, auf denen zwei Sehenswürdigkeiten standen, die beide nicht passten, daher nahmen wir den Weg in der Mitte. Wieder bergauf und bergab ging es durch wunderschönen Urwald, gesplitterten Riesenfelsen, größer als ein Einfamilienhaus. Zu Beginn hörten wir links von uns eine Straße, das bedeutet, dass wir laut meiner Erinnerung richtig waren. Aber die Geräusche hörten irgendwann auf. Christian murmelte schon was von „ich lauf das nicht alles zurück“ und „einmal mit Profis“, als wir an einer Weggabelung ankamen. Unbeschildert. Also kapitulierten wir und zückten Googlemaps.


Meine „Wanderkarte“ – leider sind wir aus dem Abschnitt herausgewandert

Die Navigation sagte uns, dass wir uns nur 4 Gehminuten vom Ausgangspunkt entfernt aufhielten. Wow! Also war unser Orientierungssinn doch nicht ganz so klein wie wir dachten. Also einmal rechts, dann links und wir standen wieder vor dem Zitterfelsen. Dieser wurde grad von einer Schulklasse und einem Bus Senioren umringt. Was hatten wir für ein Glück, dort allein gewesen sein zu können.

Wir beschlossen, noch die letzte Attraktion mitzunehmen: einen Felsen, geformt wie ein Champignon. Wir bogen dorthin ab und er war wirklich witzig. Aber direkt neben einem riesigen Intermarche. Kopfschüttelnd wundern wir uns wieder, wie die Franzosen neben einer solchen Natur direkt einen riesigen Supermarktparkplatz planieren können. „Bei uns würde das ganze Gebiet geräumt und unter Naturschutz gestellt, keine Straßen, keine Häuser – und eine richtige (!) Ausschilderung würde es geben!“ sagte Christian.


Unser France Passion Stellplatz in den Monts d´Arree

Wir nutzen die Gunst des plötzlichen Supermarktes, um einzukaufen und fuhren dann weiter in das 15 Minuten entfernte Poullaouen. Hier nächtigen wir bei Diane Antone, einer Künstlerin aus England, die mit ihren zwei (mittlerweile erwachsenen) Kindern hier in der Bretagne

lebt. Sie hat Hühner und Jacobsschafe, ein Künsteratelier, ein eigenes Wohnmobil und viel viel Land drum herum, auf dem wir nun stehen können. Sie sagt, dass sie in England ein solches Grundstück in herrlicher Lage niemand bezahlen könnte, daher sei sie hierher ausgewandert.

Spannend, denn an der Legendenküste kam ich mit einem französischen Pärchen aus St. Malo ins Gespräch, die gerne nach Finistere oder Morbihan ziehen wollten, weil es hier so schön sei. Aber sie könnten sich die hohen Preise hier nicht leisten, weil „die Engländer alles aufkauften“, so ihr Zitat. So unterschiedlich können einzelne Sichtweisen sein.

Wir machten uns einen gemütlichen Abend mit schöner Aussicht, Sonne und Grillwürstchen und fragen uns:

Frage des Tages: Wovon lebt man hier, auf einem schönen Resthof mitten im Nichts, mit Schafen, Hühnern und Aquarellmalereien?

p.S.: Happy Birthday Christian <3

2 Kommentare zu “Der mystische Wald von Huelgoat

  1. jonathan moor

    „Der Chaos-Wald von Huelgoat – meterhohe Felsen überall“ ich habe mir dieses foto usgesucht als Inspiration für die Einrichtung meines neuen Aquariums. Irgendwann dachte ich, da müssten doch auch Tiere zu sehen sein.
    Ich bin fündig geworden: In der Bildecke unten rechts guckt aus einer dreieckigen Lücke unter den Steinen ein Marder/junger Fuchs/Hermelin oder was auch immer raus und beobachtet den Fotografen!
    Wusstet Ihr das schon?

    LG Jonathan

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