Finnische Seenplatte

Unser nächstes Ziel ist die finnische Seenplatte im Südosten des Landes. Viele Finnen verbringen dort ihren Urlaub im Caravan oder im Ferienhaus. Wir übernachten daher in der Nähe von Lappeenranta am größten See Finnlands, dem Saimaasee, im Wald an einem kleinen Bootsanleger. Am Abend konnten wir von unserem Bus aus einen herrlichen Sonnenuntergang über dem See bewundern.

Am nächsten Tag ging es dann weiter in Richtung Mikkeli. Wir nahmen eine kleinere Straße, die als landschaftlich schön in unserer Karte beschrieben ist. Landschaftlich schön gab es schon bald keinen Asphalt mehr und es ging über Schotter weiter. Die Stadt selber ist wie die meisten nordischen Städte mit vielen rechten Winkeln und Beton gebaut worden und für unsere verwöhnten Augen nicht besonders reizvoll. Nichtsdestotrotz gaben wir ihr eine Chance und spazierten zur Kirche und über en Markt und in den Markthallen. Im Touristenbüro fragten wir nach Tageswanderrouten und bekamen drei Vorschläge mitsamt Skizzen mit.

Derart ausgerüstet und ein Softeis weiter fuhren wir dann zu dem großen Campingplatz nahe Mikkeli. Es war Zeit für Duschen, Wäschewaschen, Wagen- und Seelenpflege. Der Platz lag herrlich zwischen dem anderen Ende des Saimaasees und der Schnellstraße. Für Merle gab es ein kostenfreies Indoorspieleparadies, das sie ausgiebigst auskostete. Im Bällebad mit anderen Kindern zu spielen ist für sie das Highlight des Tages. Als Preis (ohne Strom) waren 27 Euro ausgemacht. AM nächsten morgen war eine andere Dame an der Rezeption. Da hieß es dann 35 Euro. Damit war ich so lange nicht einverstanden und ließ sie so lange auf ihrem Taschenrechner herumtippen, bis sie entnervt 21 Euro aus rechnete und sagte: „Is this okay?“. War es! Rasch gezahlt und dann geht´s weiter.

Wir fahren 40 km zu einem kleinen Parkplatz in der Nähe von Ristiina, von dem aus man die Astuvansalmi Felsmalereien im Sommer erwandern kann. Lustig ist, dass der Parkplatz eine Adresse hat: Suurlahdentie 2039 in Mikkeli, aber das nur nebenbei. Die Felsmalereien sollen etwa 5000 Jahre alt und die größten in Skandinavien sein. Wir begeben uns daher gespannt auf den etwa 3 km langen Pfad durch Wald, Sumpf und Felsen. Natürlich ohne Mückenschutz. War nicht sehr intelligent. In Finnland. Im Sommer. An See und Sumpf. Da ist man den hungrigen Schwärmen recht schutzlos ausgeliefert und wir fragen uns, wie das wohl die Menschen vor 5000 Jahren gemacht haben.

Aber wir haben es lebend geschafft. Die Felsen liegen direkt an einem See, einem Teil des riesigen Saimaaseesystems. Die Malereien waren beeindruckend und wir fragen uns, was von unserer Zivilisation heutzutage wohl 5000 Jahre überdauern könnte. Mein Handy jedenfalls nicht. Zurück am Auto fragen wir uns, ob wir hier auf dem Platz übernachten oder noch einen besseren suchen sollen. Es ist schon recht spät und wir befragen das Handyorakel nach nahen freien Parkplätzen. Es wird einer in 10 km an einem See abseits der Straße angezeigt. Klingt perfekt, also nichts wie hin.

Wir fahren ein Stück die Straße entlang und biegen dann in einen Schotterweg ein, der zu einigen Ferienhäusern führt. Von dort aus biegen wir in einen schmaleren Schotterweg ein, der zu einem Bauernhof führt. Hinter diesem wird er zu einem Waldweg. An einer Gabelung, die die Handynavigation nicht kennt, etwa 200 m vom Ziel entfernt, biegen wir falsch ab. Wir fahren noch etwas weiter in den Wald und merken, dass wir nicht drehen können. Christian steigt also aus uns läuft an einer Gabelung voraus und erkundet vorbildlich die Lage. Er kommt strahlend wieder und sagt, dass es unten ein Ferienhaus gibt, bei dem wir drehen können. Gesagt, getan. Wir also dort hinunter. Der Weg führt aus dem Wald recht steil auf Schotter zu einem verlassenen Haus an einem See und wir drehen in der Einfahrt.

Dann fahren wir wieder hinauf. Und stecken im losen Schotter fest. Mist. Das haben wir nicht gesehen.

Nach zahlreichen Versuchen ohne und mit Schwung haben wir tiefe Rillen in den Schotter gefahren und sind keinen Meter weiter gekommen. Wir suchen uns Bretter und versuchen, auf diesen dem Schotter zu entkommen. Auch das hilft nicht, denn die Bretter rutschen zur Seite oder nach hinten weg. Es hilft alles nichts. Wir packen Merle in die Kraxe und laufen los, um Hilfe zu suchen. Natürlich ohne Mückenschutz. Im Wald. Am See. In Finnland. Wir lernen es offenbar nicht. Der Bauernhof stellt sich als menschenleer dar. Den Besitzer finden wir nicht. Also einige km weiter gehen.

Noch ein Bauernhof. Ein Hund bellt. Wir freuen uns uns gehen dort hin. Aber auch dieser ist menschenleer und der Hund mochte uns nicht helfen. Zumindest gab es hier einen Traktor, der uns herausziehen könnte. Also wieder einige km weiter zu den Ferienhäusern. Die ersten waren verlassen, dann fanden wir eines, wo wir auf dem Hinweg Menschen gesehen haben. Wir gehen auf das Haus zu. Niemand zu sehen. Wir rufen und wollten schon wieder gehen, da sehen wir einen Mann in Badehose aus der Gartensauna kommen.

Er schaut uns verdutzt an und als wir ihm unsere Lage erklären, hilft er uns sofort. Er ruft den Nachbarn mit dem Hund an. Dieser ist nur ein paar km entfernt unterwegs und kommt sofort. Dann packt er uns in sein Auto und wir fahren zurück in den Wald nahe unserer Havariestelle. Dort ist der andere Nachbar schon eingetroffen und wir schauen uns alle zusammen die Misere an. Nach einigem finnischen Fachgesimpel fragt der alte Bauer uns, ob er den Wagen fahren dürfte. Wir sagen ja und er nimmt Anlauf un die enge Kurve. Dann gibt er Vollgas und lässt die Bremse los. Der Wagen schießt um die Kurve und kippt dabei fast vom Kiesbett, dann fährt er die Schotterrampe hinauf und schafft es tatsächlich mit Ächtzen und Stöhnen, den Wagen zurück in den Wald zu fahren. Wir gaben wohl ein Bild für die Götter ab, standen wir doch da, staunend, mit offenen Mündern und konnten es kaum glauben, dass wir grade von jemandem, der Mika Häkkinens Urgroßvater hätte sein können, gerettet worden sind. Wie bedankten uns fast andächtig (und mit viel Bier) und fuhren rasch zu dem alten Parkplatz an den Felsmalereien zurück. Dort blieben wir und rührten uns glücklich bis zum Morgengrauen keinen Zentimeter mehr von der Stelle. Wahrscheinlich träumten wir beide in dieser Nacht von einem Reisemobil mit Allradantrieb.

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