Tag 17: Von Wind, Wolken, Weltkriegsstimmung und sonntagnachmittäglichen Unpässlichkeiten

Am Sonntag fuhren wir die Perlmuttküste weiter hinunter bis in das Departement Manche. Juno Beach, Gold Beach, Omaha Beach und Utah Beach – hören sich irgendwie amerikanisch an.


Das sind die Landungspunkte der alliierten Streitkräfte im zweiten Weltkrieg gewesen. Wir beide interessieren uns nicht für die Details dieses Krieges, daher war uns das nicht bekannt. Das – verbunden mit den alljährlichen Feierlichkeiten um den 6. Juni herum – erklärt uns aber zumindest die vielen Military-Fans, Oldtimerkonvois, Marathons und Radrennen für die Freiheit. An den Gedenkstätten, die hier auf busseweise amerikanische Touristen ausgelegt sind, fanden wir – wer hätte es gedacht – busseweise amerikanische Touristen.

Mit einigen aus Florida kamen wir ins Gespräch. Sie fanden Merle klasse (und hielten sie für einen dreijährigen Jungen) und die Quality-Time, die wir als Eltern mit ihr verbringen. Sie fragten, ob wir 3 Monate Urlaub im Jahr in Deutschland hätten, denn sie haben gehört, dass die Deutschen sehr viel Urlaub haben. Als wir dann erklärten, dass wir Urlaub ohne Bezahlung haben, lachten sie und erwiderten, dass sie in Amerika nach drei Monaten unbezahlten Urlaub keinen Job mehr hätten.

„There is no accident, only coincidence!“ sagte die Touristin aus Fort Lauderdale

Wenn es also keine Zufälle gibt, warum sind wir dann genau hier genau zu dieser Zeit gelandet? Haben wir uns mit dem Thema Holocaust denn nicht schon in der Schule genug auseinandergesetzt?

Wir sind keine Weltkriegsfans und zumindest für mich kann ich sagen, dass das eine düstere Zeit gewesen sein muss und dass es richtig, ist, darüber in der Schule und an den Orten zu informieren. Was mich daran nur stört ist, dass ich an Gedenkstätten dieser Art kaum Friedensaktivisten finde, dafür aber viele Militärfreaks. Soll das der Sinn der Sache sein? Und ich finde es Unfair, dass hier die Deutschen als feige und böse dargestellt werden. Das war früher vielleicht aus Rache geboren, aber heute dient es doch sicher nicht der Völkerverständigung und ist – nach meiner Meinung – völlig daneben.

Und wer denkt dabei an meinen Opa, der damals mit 15 völlig traumatisiert aus der Kriegsgefangenschaft kam und das bis zu seinem Tod nicht aufarbeiten konnte? Rache ist ein schlechter Sieger. Und es bekommt zudem den Anstrich, dass eine große Tourismusindustrie hier von diesen Gedenkstätten lebt.

Hinzu kommen noch zwei Dinge, die ich noch anführen möchte. Zum einen hat jedes der Länder, die am zweiten Weltkrieg beteiligt war, eine schrecklich düstere zeit mit vielen ungerechten Morden hinter sich, um die nicht viel Aufhebens gemacht wird: Die Indianer, die Kolonien in Afrika, das Aushungern der Ukraine durch Stalin und vieles mehr. Und es gibt kaum ein anderes Land, dass nicht ähnliche Vergangenheiten hatte: Serbien, die roten Khmer, Japan, Spanien, um nur einige zu nennen. Macht irgendwer von diesen Ländern eine solch große Sache daraus?

Und das zweite ist: Diese Gedenkstätten sollen in Erinnerung rufen, dass Greueltaten passiert sind. Nur sollte es keine Vergangenheit bleiben. Diese Greueltaten passieren auf unserem Planeten auch heute noch täglich. Und wir schauen zu. In Afrika, in China, in Lateinamerika – im Niger sind jetzt schon mehr Menschen getötet worden als im zweiten Weltkrieg. Wo sind die Gedenkstätten für diese toten Helden? Statt mit dem erhobenen Zeigefinger in die Vergangenheit zu zeigen, sollten wir in die Gegenwart schauen und die Augen öffnen, für das, was vor unserer Tür passiert.

Denn nicht nur in Afrika oder Amerika oder Asien passieren Greueltaten, auch in Europa und den USA wächst der Nährboden für mögliche ähnliche Szenarien. Ich denke an die Nationalisten wie z.B. in der Türkei, in Ungarn oder in Polen. All diese nutzen die gleiche Propaganda, wie sie auch schon in Deutschland vor dem zweiten Weltkrieg funktioniert hat. Und wir schauen alle wieder nur zu. Das kann uns ja nicht mehr passieren, wir haben ja Gedenkstätten!

Frage des Tages: Wie stehst du zum Thema Gedenken an den Holocaust?

Nach einem Abstecher nach Sainte-Marie-du-Mont (noch mehr Gedenktafeln zum WWII), fuhren wir weiter auf die Halbinsel Cotentin und wollten dort eigentlich auf einem Bio-Milchhof übernachten, der eigenes Eis produziert. Das Wetter wurde immer schlechter. Während es passend zu den alten Gedenkstätten düster-wolkig und windig war, fing es jetzt an, trist zu nieseln. Auf dem Biohof fanden wir die Besitzer nicht und auch keine Schilder. Merle vertrieb sich die Zeit mit Esel gucken, Enten gucken, Hühner gucken, Kühe gucken, Kälbchen gucken und insbesondere Kaninchen füttern. Als die Bäuerin dann kam, beachtete sie uns nicht.

Wir wissen nicht warum – es ist ja auch Sonntag und sie verbringt vielleicht grad sonntägliche Familienzeit – aber alles in allem fühlten wir uns hier nicht so wohl, daher fuhren wir eine halbe Sunde weiter zu einem Bauernhof, der Cidre produziert. Aber auch dort keine Hinweistafeln, niemand da. Merle signalisierte schon, dass sie gerne ankommen und rollerfahren und insbesondere essen möchte. Aber wir fuhren nochmal weiter. Nur fünf Minuten entfernt gab es einen France Passion Stellplatz bei Privatleuten. Auch dort niemand da, aber die Schilder waren eindeutig und hießen uns willkommen.

Hier blieben wir und Merle verputzte erstmal 300 Gramm Kirschen, bevor es dann mit dreieinhalb Teller Nudeln weiterging. Das Wetter drehte sich um 180 Grad und wir genossen den ganzen Abend herrlichen Sonnenschein bei wolkenlosem Himmel. Unsere Gastgeber trafen später noch ein. Sie hatten sich an diesem Wochenende ein neues Wohnmobil in Bordeaux gekauft und freuten sich, dass ihr Grundstück schon bewohnt wurde.

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