Wir im Blog der Marler Zeitung: „Die charmante Gruftie-Familie von nebenan“

Wir dürfen exklusiv einen Auszug aus dem Blog „unter uns“ der Marler Zeitung abdrucken. Der Artikel ist von Robert Klose vom 02.03.2016

Die charmante Gruftie-Familie von nebenan   

 

Kennen Sie das Gefühl, einen Menschen zweimal kennenzulernen? Genau das ist mir jetzt passiert. Da taucht eine Frau auf, die mir bisher nur hier und da begegnet ist, erzählt von ihren Plänen, ihrem Ehemann, ihrem Kind, wirkt erst einmal selbstbewusst, gesundheitsbewusst, verantwortungsbewusst. Ohne mir dessen klar zu sein, ordne ich sie in die Öko-Ecke ein – und erlebe eine Riesen-Überraschung. So ist das, wenn der Mensch Opfer seiner eigenen Vorurteile wird.
Vielleicht das Peinlichste an der ganzen Geschichte: Mit allen drei Attributen lag ich richtig. Ja, sie ist selbstbewusst, schaut sich nicht auf die Schuhspitzen, wenn sie jemand anspricht. Ja, sie ist gesundheitsbewusst, achtet vor allem bei ihrem Säugling darauf, dass er bekommt, was gut für ihn ist. Und ja, sie ist verantwortungsbewusst, denkt lieber dreimal zu viel über die Folgen ihres Handelns nach als einmal zu wenig. Die Überraschung: So ganz nebenbei eröffnet mir eben diese Frau, dass sie und ihr Partner „Freizeit-Grufties“ sind. Autsch. Da brechen einem ja die ganzen Vorurteile weg.

 

Es ist Zeit für ein paar Geständnisse in eigener Sache. Ich gebe zu, dass ich über die Szene der Leute, die sich gern von Kopf bis Fuß in Schwarz kleiden, so gut wie gar nichts weiß. Die Musik, die in der Gothic-Szene angesagt ist, kenne ich bestenfalls vom Hörensagen und Weghören. Trotzdem war ich mir bisher sicher, dass ich sie nicht mag, weil sie zu düster ist. Für besagtes Paar ist das „1-A-Tanzmusik“, höre ich mit Verwunderung. Peng, der nächste Volltreffer in meiner Bastion gut gehegter Vorurteile. Vielleicht sollte ich einfach mal hinhören, bevor ich urteile – das kann nie schaden…

 

Wenn das Wort „Gruftie“ fiel, ratterte bisher gleich mein Kopfkino los. Sind das nicht Leute, die nachts um Friedhöfe herumschleichen und Kulte ausüben, über die ich lieber nichts wissen will? Ist es nicht besser, um sie einen großen Bogen zu machen? Was die charmante Familie von nebenan angeht, beantworte ich alle Fragen mit einem „Nein“ und drei Rufzeichen. Es gibt keinen Grund, um eine junge, freundliche Familie, einen Bogen zu machen. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie mit okkulten Riten so viel zu tun haben wie ich mit Stabhochsprung. Die Fotos, die ich zu sehen bekomme, sind ausnahmslos bei strahlendem Sonnenschein in einem Park entstanden – kein Friedhof weit und breit.

 

All das wäre mir nicht passiert, wenn ich nicht allein auf den ersten Anschein vertraut hätte. Mit anderen Worten: Wer den eigenen Vorurteilen gedankenlos vertraut, stellt sich selbst ein Bein.

Dieser Beitrag wurde erstellt von
Robert Klose
Redaktion Marler Zeitung
vom 2. März 2016, 10:27 Uhr

Das Original könnt ihr hier finden: Blog der Marler Zeitung

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