Goldap – Litauen

Nachdem wir uns in Rössel (Roszel) von Bogumila und den anderen Nonnen verabschiedet haben, fahren wir weiter in Richtung masurische Seenplatte und verlassen das schöne Ermland. In Schmolainen (Smolajny) bei Guttstadt (Dobre Miasto) im Ermland wurde mein (Nicoles) Großvater geboren und daher hatte der Besuch dort für mich eine besondere Bedeutung. Ein sehr schönes Land. Wir besichtigen die örtliche Landwirtschaftsschule und versuchen etwas über die Historie herauszufinden. Leider finden wir niemanden, der a) alt genug wäre und b) englisch spricht…

Wir haben gehört, dass der Campingplatz „Sonata“ sehr empfehlenswert sein soll. Also sind wir dorthin. Den Platz fanden wir aber eher bescheiden. Duschen am Platz noch nicht fertig, alles etwas öde und lieblos. Es befanden sich nur deutsche Reisemobile auf dem Platz und als wir mit anhören mussten, was der Kuckuck hier doch für eine unsägliche Ausdauer in der Nacht haben soll, packten wir wieder zusammen und fuhren weiter. Nörgelnde Nachbarn brauchen wir uns nicht antun.

Also gings weiter nach Goldap. Dort soll es direkt an der russischen Grenze einen Campingplatz geben. Haben wir auch schnell gefunden. War aber leider schon seit längerer Zeit geschlossen. Dann mussten wir überlegen, was wir tun. Merle war schon im aktiven Spielmodus, es war schon später am Tage und weit und breit kein Stellplatz in Sicht. Wild nächtigen wollten wir nicht, denn bei 28 Grad im Schatten den ganzen Tag wollten wir doch vor der Nacht noch duschen.

Wir fanden einen Campingplatz 25 Minuten südlich die Straße runter mitten im Nichts. Es war ein herrliches ruhiges Fleckchen mit allerlei Spielgeräten für Merle und einer Dusche mit allem Komfort und Schnickschnack dieser Welt (inkl. Musik). Und das alles für 6 Euro. Die Leute hier sprachen englisch und französisch und waren sehr nett. Wir verbrachten eine schöne letzte Nacht in Polen.

Dann fuhren wir die hübsche schmale Straße an der Grenze zu Russland weiter und über einen winzigen Grenzübergang nach Litauen. Alles in allem waren die Straßen in Polen gar nicht so „schlimm“ wie immer behauptet wurde. Oder wir hatten einen inneren guten-Straßen-Finder. In Litauen sind die Straßen sogar noch besser. Breiter, neuer, weniger geflickt. An jeder zweiten Straße steht ein „gefördert mit Mitteln der EU-Schild“. Man darf nur nicht auf die Nebenstraßen kommen. Die bestehen allesamt aus Schotter und feinstem Wellblech. Die reine Tortur für jedes Fahrzeug und die Nerven…

Wir fahren nach Kalvarija und machen dort Mittagspause im Stadtpark. In Polen waren viele Häuser verfallen und sahen abbruchreif aus. Aber sie waren immerhin aus Stein gebaut. Hier in Litauen ist es anders. Hier bestehen viele Häuser aus Holz. Und viele sind nicht renoviert, so dass es teilweise aussieht wie in verfallenen Geisterstädten im wilden Westen.

Anschließend genießen wir die leeren und guten Straßen bis nach Kaunas. Dort gibt es zwei „verkehrsgüstig gelegene“ Campingplätze direkt an der Umgehungsstraße. Wir entscheiden uns nicht für den am See, sondern für den in Altstadtnähe. Ein brandneuer Platz (im Sommer mit Pool, im Winter mit Sauna, derzeit aber leider ohne beides), gefördert mit Mitteln der EU für 18,37 Euro. Hier wird noch spitz umgerechnet seit der Währungsreform vor einigen Jahren. Wir fahren die theoretischen 5 Minuten mit dem Linienbus in die Stadt (praktisch war Feierabendstau) und bummeln in der Altstadt und an der Memel entlang.

Hier stehen die Überreste einer alten Burg, die gegen die Kreuzritter gebaut worden ist. Hat damals nicht gehalten. Daneben steht eine alte Kirche, die an ein Franziskanerkloster angeschlossen ist. Sie sieht von innen abbruchreif aus, Orgel und Kanzel fehlen, alle Wandgemälde sind kaum noch zu erkennen. Eine alte Frau erzählt uns in reinem deutsch, dass die Kirche grad renoviert wird, nachdem die Sowjets sie jahrzentelang als Lagerraum genutzt hatten. Weiter in der Altstadt besuchen wir noch weitere Kirchen, weil uns interessiert, ob alle Kirchen hier so aussehen. Doch die Kirchen dort sind fantastisch restauriert worden und empfangen uns mit all ihrer Pracht.

Die alten Kirchen hier und in Polen sind noch nach Osten ausgerichtet und haben Gemälde und Figuren mit sehr alten Symboliken. Habe mich bisher nie dafür interessiert, bin aber jetzt fasziniert von den teilweise über 500 Jahre alten Gemälden. In der Altstadt folgen wir Tripadvisor zu einem kleinen Restaurant mit einheimischen Köstlichkeiten, wo Merle auch mit ihrem ersten Abakus spielen kann.

Am nächsten Morgen fahren wir weiter. Wir entschließen uns, erst einmal die wunderschöne Straße an der Memel entlang zu fahren. Bei einem Opa, der Erdbeeren aus seinem Garten anbietet, kaufen wir als Snack ein Kilo für 1,70 Euro. Dann biegen wir nach Norden ab in Richtung Siauliai. Dort gibt es den Berg der 1000 Kreuze, den wir besichtigen wollen. Wir machen dort unsere Mittagsrast neben einem brütenden Storchenpaar und besichtigen den Hügel. Die schiere Anzahl der Kreuze beeindruckt uns sehr. Einige sind liebevoll, einige unversöhnlich, einige mit Musik und wieder andere mit Nistkästen. Bogumila sagte zu uns: „Es wäre schön, wenn die Leute so sehr an Gott glauben würden wie sie an die Kraft toter Steine glauben.“ Daraus machen wir:“Es wäre schön, wenn die Menschen ihren Glauben so sehr im Alltag leben würden wie sie hier Holzkreuze aufstellen.“

Anschließend fahren wir weiter. Wir wollen zu einem kleinen Campingplatz eine Stunde westlich in einem Naturschutzgebiet direkt am See fahren. Wir fahren die gut (mit Mitteln der EU) ausgebaute A11 Richtung Westen bis zu der Straße, die an den See abbiegt. Das Navi sagt: Noch 20 KM. Die Straße vor uns ist eine Schotterpiste mit Bodenwellen. Nach etwa 2 km haben wir die Nase voll und kehren um. Planänderung: Weitere 50 km bis zur Ostsee. Wir fahren zu einem kleinen schönen Campingplatz nördlich von Klaipeda, der 300 Meter vom Meer entfernt liegt.

Man spricht hier deutsch (alle Gäste und einer der Besitzer) und englisch (der andere Besitzer und die Angestellten). Es ist erstaunlich, wie viele deutsche Wohnmobilisten wir hier antreffen. Das haben wir nicht erwartet. Und auch nicht, dass so viele Litauer deutsch sprechen können. Sogar die Dame an der Supermarktkasse. A propos: Die Preise hier sind wie daheim. Statt wie in Polen 50 Cent kostet ein Smoothie hier z.B. wieder 2 Euro. Und die Erdbeeren im Supermarkt kosten auch 3 Euro 500 Gramm.

Im Supermarkt hier wie in Polen mussten wir uns richtig umgucken. Die Packungsgrößen sind nicht wie in Deutschland normiert. Joghurt gibt es nicht wie bei uns nur in 500-Gramm-Bechern, sondern 380g, 400g und 450g. Butterpakete haben hier nur 450g. Salattüte 300g. Alles irgendwie seltsam für uns. Haben erst nicht drauf geachtet und wunderten uns, dass der Salat nicht für 2 Tage reicht oder der Joghurt zu wenig für 1 kg Erdbeeren ist… Soviel zu Standards, die wir für selbstverständlich halten.

Hier an der Ostsee genießen wir die 28 Grad im Schatten und gefühlten 40 Grad in der Sonne an dem kleinen schönen Strand, der für seine Bernsteinfunde berühmt sein soll. Wir haben noch keinen gefunden. Liegt aber wohl eher daran, dass wir nicht wissen, wie roher Bernstein aussieht. Der wird sicher nicht geschliffen angespült werden, schätzen wir… 😉

2 Kommentare zu “Goldap – Litauen

    1. christian Autor des Beitrags

      Hallo Simon,

      die Kreuze haben eine individuell unterschiedliche Bedeutung. Die meisten sind verbunden mit Wünschen oder zum Dank hinterlassen worden. Es gibt auch einige von Schulklassen, der Kolpingfamilie oder anderen Verbänden und Organisationen bzw. Gruppen.

      VG

      Christian

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.